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High Tech für den Meeresboden - Aargauer Zeitung / Jan. 2010

Vor 50 Jahren stellte Jacques Piccard einen Weltrekord auf, der bis heute Bestand hat.
Er tauchte rund 11 000 Meter unter den Meeresspiegel. Seither wird dort unten geforscht


Jacques Piccard war Pionier durch und durch. Genau wie sein Vater Auguste und heute sein Sohn Bertrand. Die Piccards waren und sind stets auf der Jagd nach Rekorden, nach Ehre und Ruhm. Während Auguste mit dem Ballon hoch hinaus in die Stratosphäre wollte, war Jacques ganz unten. Er tauchte so tief wie niemand vor ihm und niemand nach ihm.

VOR FAST 50 JAHREN, am 23. Januar 1960, sanken Jacques Piccard und der US-Marineleutnant Donald Walsh mit der "Trieste" in den Marianengraben hinab. Hier ist der Pazifik rund 11 000 Meter tief. Dort unten, so dachte man damals, sei nichts außer absoluter Dunkelheit, eisiger Kälte und tödlichem Umgebungsdruck (je zehn Meter Wassertiefe steigt der Druck um ein Bar).

Doch als die beiden nach neun Stunden Sinkfahrt am Grund ankamen, sahen sie eine Garnele und einen Fisch durch das zentimeterdicke Panzerglas-Guckloch. Eine Sensation. Heute weiß man, dass in der Tiefsee nicht nur Leben existiert, sondern, dass da unten wahre Berge an Rohstoffen lagern – Öle, Gase und Erze. Rohstoffe, die an Land nahezu ausgebeutet sind. Kein Wunder, dass sich Konzerne brennend für den Meeresboden interessieren und ihn mit High- Tech-Gerät erforschen.

Mit der "Trieste", welche Auguste und Jacques Piccard vor über 50 Jahren selbst konstruierten, würde heute niemand mehr auf Tauchfahrt gehen. Der stählerne Koloss bot nur kurze Einsatzzeiten und ließ sich quasi nur in der Horizontalen manövrieren. Austarieren in der Vertikalen war nahezu unmöglich. Dass die beiden Taucher am Grund ankommen würden, galt als sicher, doch ob sie jemals wieder auftauchen würden, war ungewiss: Das Ballastsystem der "Trieste", das mit Wasser, Benzin und Stahlballast zugleich arbeitete, schien zwar ausgeklügelt, war aber auch ziemlich abenteuerlich. Hätte die Elektrik oder der Mechanismus zum Abwerfen des Stahlballasts – um leichter zu werden und wieder auftauchen zu können – versagt, sie wären noch heute an der tiefsten Stelle der Weltmeere. Zudem stand nur spärlich Energie für Lampen zur Verfügung, Kameras waren erst gar nicht an Bord. Auch Greifer hatte die «Trieste» nicht. Kein Wunder, dass sie heute im Museum gestrandet ist.

Ihren Platz haben moderne Tiefseeboote übernommen. Von den bemannten sind wohl die beiden "Mir" des Shirshov Instituts für Ozeanografie der russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau die eindrucksvollsten. Die Ende der 1980er-Jahre in Finnland gebauten Boote tauchen bis zu 6000 Meter tief – genug für den größten Teil des Meeresbodens. Ihre kreisrunde Druckkabine ist aus korrosionsbeständigem Nickelstahl gefertigt, drei Fenster aus Kunststoff geben den Blick für die beiden Passagiere und den Piloten frei. Die beiden "Mir" tauchen oft gemeinsam, vor allem für Filmarbeiten. So spielten sie auch im Hollywood-Streifen "Titanic" eine Hauptrolle. Doch heute geht es kaum noch um Ausflugsfahrten auf den Meeresgrund. "Zurzeit liegt der Fokus beim ‹Deep Sea Mining›", sagt Maik Wunsch, Druck- und Unterwassertechnikingenieur beim Germanischen Lloyd (GL). Etwa 70 Prozent der Erdoberfläche sind von Wasser bedeckt, 3,8 Kilometer beträgt die durchschnittliche Meerestiefe – ein gigantisches Gebiet mit Massen an Rohstoffen. Erdöl und Bergbauunternehmen wollen wissen, wie der Meeresboden aussieht und beschaffen ist, um später einmal unterseeische Bergwerke zu betreiben. Dafür brauchen sie effizientes Tauchgerät, das in der Regel unbemannt ist.

Eines der weltweit modernsten autonomen Unterwasserfahrzeuge (AUV) betreibt das Leibniz Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel. Den Tauchroboter "Kiel 6000", der erst im vergangenen Jahr in Dienst gestellt wurde, lobt Harald Pauli, Abteilungsleiter Druckbehälter und Unterwassertechnik beim GL, als "Meilenstein". Das Gerät taucht bis zu 6000 Meter tief und hängt an einer nur 19 Millimeter dicken, stahlarmierten "Nabelschnur". Sie versorgt das Fahrzeug mit Strom und über Glasfaserkabel den Steuerbefehlen, die die Piloten über Joysticks geben und am Bildschirm verfolgen. Der 3,5 Tonnen leichte Taucher kann sowohl in der freien Wassersäule als auch am Grund präzise arbeiten. Auf Position halten ihn sieben Strahlruder – selbst bei zwei Knoten Strömung. Davon konnte die Besatzung der 50 Tonnen schweren "Trieste" nur träumen. "Kiel 6000" hat zudem verschiedene Greifarme, sogenannte Manipulatoren, um Proben am Grund zu nehmen. Weltweit gibt es nur sehr wenige solcher Tauchroboter. Doch: "In Zukunft wird ihre Zahl bedeutend steigen", prophezeit Pauli.

Problematisch bei Arbeitseinsätzen in der Tiefe sind vor allem die brachialen Kräfte, die auf die Geräte wirken. "Das Engineering und das Herstellen sind sehr kompliziert", sagt Pauli. SSie brauchen teure, hochfeste Spezialstähle, die schwer zu bearbeiten und zu schweißen sind." Dank moderner Technik boomt die Forschung am Grund der See regelrecht. Allerdings mit erheblichen Gefahren für die Natur: "Auch für den Tiefseebergbau brauchen wir verlässliche Daten über die Umweltauswirkungen. Der Lebensraum Tiefsee reagiert äußerst empfindlich auf menschliche Störungen", warnt der Hamburger Meeresbiologe Onno Gross. Doch es geht nicht nur um das "Deep Sea Mining". Auch Klimaforscher interessieren sich für die Meere: Sie geben Auskunft über den Zustand an Land. Für die Piccards scheint der Reiz der Tiefsee indes geschwunden zu sein. Bertrand startet demnächst zur Rekord-Erdumrundung im Solarflugzeug. Doch vielleicht tragen die Flugerfahrungen irgendwo auch zur Erforschung des Meeresgrunds bei? Die Idee für die Druc kapsel der "Trieste" soll schließlich auch aus der Stratosphären-Ballonfahrt entstanden sein.


Der Beitrag erschien am 18. Januar 2010 in: Aargauer Zeitung

© 2011 Daniel Hautmann