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Rollende Tresore sind kaum zu knacken - Welt am Sonntag / Feb. 2010

Gepanzerte Limousinen durchbrechen mit drei Tonnen Gewicht fast jedes Hindernis


Die Gewehrsalve dauert nur wenige Sekunden, dann ist die Karosserie des grellgelben Geländewagens löchrig wie ein Sieb. 400 Kugeln haben sich ins Blechkleid gebohrt und den Glasscheiben zugesetzt. In den Innenraum des Toyotas kam aber kein einziges Geschoss. Der Wagen ist eine speziell gepanzerte Version, wie sie etwa Hilfsorganisationen in Krisengebieten nutzen.

Damit die Insassen eines gepanzerten Wagens sicher sind, setzen die Hersteller viel Hightech und seltene Materialien ein. Eingebaut werden zum Beispiel besonders fester Stahl sowie Gewebematten aus bis zu 400 Grad Celsius feuerfesten Aramidfasern, einem Kunststoff, der sonst in schusssicheren Westen verarbeitet wird.

"In unseren Fahrzeugen stecken Tausende Arbeitsstunden", sagt Fred Stoof, Geschäftsführer des Sicherheitsunternehmens Stoof International bei Berlin. Die schützenden Stahlplatten werden im Computer in 3-D vorgezeichnet, dann per Laser zugeschnitten und von Hand eingepasst.

Ein besonderer Schwachpunkt sind die Scheiben, "zum Glas gibt es aber noch keine Alternative", sagt Stoof. Und so schauen Fahrer und Gäste durch viel lagige, bis zu 72 Millimeter dicke Panzerglasscheiben. Zum Auf- und Ablassen der 60 Kilogramm schweren Scheiben sind Extra-Hydraulikzylinder nötig. Im Cadillac, mit dem US-Präsident Barack Obama gefahren wird, sind die Scheiben angeblich sogar 15 Zentimeter dick. Das bringt zusätzliches Gewicht weit oben am Wagen und macht die Limousine instabil. Rasante Kurvenfahrten werden so zum Wagnis.

Spezialunternehmen wie Stoof gibt es weltweit nur wenige. Zwar bieten auch die großen Automobilhersteller ab Werk gepanzerte Versionen ihrer Modelle an. "Bei den Konzernen gibt's aber keine Sonderwünsche", sagt Stoof. Manche Kunden lassen sich zum Beispiel umfassende Entertainment-Systeme, edle Materialien oder Paradedächer einbauen. Meist geht es jedoch um mehr Sicherheit.

Stoof stellt sowohl leichte Werttransporter als auch voll gesicherte Geländewagen her - mit unterschiedlichen Anforderungen. So sind bei Geldtransportern meist nur Führerhaus und Unterboden gepanzert. Dafür sind die Modelle oft mit Satelliten-Ortungssystemen ausgestattet. So lassen sich manche Türen und Fächer nur an festgelegten Koordinaten öffnen, nicht auf einsamen Waldwegen.

Limousinen, die Staatsmänner befördern, bekommen weitaus mehr als dicke Scheiben und Edelstahlplatten unter die Haube. In den Karossen steckt tonnenweise Technik: von Gassensoren über Gegensprecheinrichtungen und Feuerlöschsystemen bis zu Spezialrädern mit Notlaufeigenschaft und explosionssicheren Tanks, die von Gummi umschlossen sind. Das bremst nicht nur ein Geschoss ab, der Kunststoff schließt sich auch gleich wieder, damit kein Benzin ausläuft. Sollte es einen Gasangriff auf die Limousine geben, setzt eine Anlage im Fond des Wagens Sauerstoff frei - mit Überdruck, der Gase davon abhält, durch die Ritzen von außen ins Innere des Autos zu strömen.


Der Beitrag erschien am 14. Februar 2010 in: Welt am Sonntag

© 2011 Daniel Hautmann