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Das Holz im Silbersee - Süddeutsche Zeitung / Dez 2014

Eine Million Kubikmeter Beton halten die Wassermassen des Brokopondo-Stausees zurück. Das weite Tal im südamerikanischen Surinam wurde vor 50 Jahren geflutet und bildet einen der größten künstlichen Seen der Welt. Auf seinem Grund birgt er einen Schatz: Bäume. Aber nicht irgendwelche, sondern äußerst wertvolle, echtes Mahagoni oder Jatobá. Nun wird der Schatz gehoben und als besonders solide und nachhaltig vermarktet.

 

Das Geschäft ist lukrativ. In Europa vertreibt der Korschenbroicher Holz-Importeur Barth & Co. das edle Holz. In dem See stünden noch rund 14 Millionen Kubikmeter Stämme, die sich für eine klassische Verarbeitung eignen, schätzt Marko Schulze, Holzkaufmann bei Barth&Co.: „Da haben wir noch locker 25 Jahre zu tun.“ Das Fällen unter Wasser übernehmen einheimische Unternehmen, etwa die Firma Brokopondo Watra Woods International, die 2004 mit dem Abbau begann. So bleibt ein Teil der Wertschöpfung im Land. Unter Wasser Bäume zu fällen, ist kein Spaziergang. Weniger wegen der Piranhas, die seien „völlig ungefährlich“ versichert Schulze, riskant sei die Arbeit mit der Kettensäge bei schlechter Sicht. Die tauchenden Holzfäller tasten sich im dunkelschlammigen Wasser an den Bäumen entlang und kappen die Stämme nahe der Wurzel. Der Auftrieb befördert sie dann an die Oberfläche. Wenn die Stämme vom Wasser zu vollgesogen sind und nicht von allein aufschwimmen, werden sie per Seilwinde an die Oberfläche geholt. Manchmal befestigen die Arbeiter auch Auftriebskörper an den Stämmen, die sie unter Wasser Druckluft befüllen.

 

In der Regel arbeiten die Taucher in 25 Metern Tiefe. Steigen sie weiter hinab, verlängert sich der Tauchgang – wegen der Dekompressionszeit. Das will man vermeiden. Tiefer stehendes Holz wird deshalb in der Trockenzeit gefällt. Dann sinkt der Pegel des Sees um etwa sechs Meter. „Die flacheren Ebenen sind dann mit den Booten nur noch schlecht zu erreichen – nappunter Der Wasseroberfläche lauern die Baumwipfel. Das ist nicht ungefährlich“, sagt Schulze, der regelmäßig in Surinam ist. Nachdem das Holz an Land ins Sägewerk gebracht und bearbeitet wurde, wird es in Container geladen und exportiert.

 

Auf dem europäischen Markt taucht es in der Regel als Gartenmöbel oder Terrassendiele auf. Für solche „Draußenanwendungen“ ist es prädestiniert. Gerald Koch vom Thünen-Institut für Internationale Waldwirtschaft und Forstökonomie in Hamburg hat sich mit den Stauseehölzern aus Surinam beschäftigt und im Labor untersucht. „Aufgrund der vollständigen Lagerung im Süßwasser kann das Holzgewebe nicht von Pilzen und Insekten befallen werden. Das Wasser konserviert die Stämme.“ Das Holz habedurch die lange Unterwasser-Lagerung besondere Eigenschaften, sagt Schulze: „Stauseeholz ist deutlich formstabiler und haltbarer als herkömmliches Urwaldholz. Zudem sind Inhaltsstoffe ausgewaschen, die sonst zu unerwünschten Verfärbungen führen können.“

 

Doch stimmt das? Die Forscher am Thünen-Institut sind der Frage nachgegangen. Immerhin geht es um sehr viel Geld: „Je Kubikmeter kosten die Hölzer nicht selten bis zu 3000 Euro“, sagt der Forstwissenschaftler Ulrich Bick. „Die Ergebnisse der Quell und Schwindversuche lassen darauf schließen, dass die natürlichen, wuchsbedingten Spannungen im Holz durch die Wasserlagerung abgebaut wurden, wodurch sich das Trocknungsverhalten und die Dimensionsstabilität verbessert haben.“ Doch dass das Holz generell wesentlich bessere Eigenschaften als gewöhnliches Tropenholz hätte, sei eher ein Mythos.

 

Neben dem Brokopondo-Meer gibt es noch zahlreiche weitere Stauseen, die Berge an Holz verstecken – weltweit etwa 52 000 Stück. Fachleute schätzen ihre Vorräte auf etwa 500 Millionen Kubikmeter. Auch in Kanada und Afrika liegen versunkene Wälder. Aus Europas Stauseen ist hingegen nichts mehr zu holen, hier wurde in der Regel schon vor dem Aufstauen gefällt. Dafür wird in Panama im großen Stil nasses Holz geerntet. Als der Chagres-Fluss vor etwa 100 Jahren aufgestaut wurde, um den Gatún-See zu formen und den Panama-Kanal zu schaffen, verschwanden auch Hunderttausende Bäume in den Fluten. 352 Quadratkilometer Urwald sollen versunken sein. Teils behindern die Baumwipfel die Schifffahrt. Den Vorrat hat sich das kanadische Unternehmen Coast Eco Timber gesichert. Die Kanadier vermarkten es als Öko-Produkt, vor allem in Nordamerika. Die Firma will bald 50 Container im Jahr exportieren.

 

Schlagzeilen machte vor einigen Jahren ein weiteres kanadisches Unternehmen: Triton Logging. Die Firma hat den Tauchroboter „Sawfish“ entwickelt, zu Deutsch: Sägefisch. Das Gerät, drei Tonnen schwer und 3,5 Meter lang, ist eine Mischung aus Harvester und U-Boot. Es wird von einem Techniker über Wasser gesteuert und schickt Livebilder an die Oberfläche. 300 Meter tief kann die Maschine tauchen und zu Baumstämmen navigieren, die Taucher niemals erreichen. Der Sägefischumklammert den zu fällenden Baum mit seinem Greifer, befestigt einen aufblasbaren Ballon an ihm und sägt den Stamm mit seinem1,5 Meter langen Blatt durch–der Ballon transportiert den Baum anschließend an die Oberfläche. Allerdings kann das Gerät nur relativ dünne Stämme greifen. Die riesigen Urwaldbäume sind für den Sägefisch zu dick. Daher konzentriert sich das Unternehmen auf die Vorräte in nordamerikanischen Stauseen, in denen sie nach Nadelhölzern tauchen.

 

Und wie steht es um die Umweltbilanz? Importeur Schulze ist überzeugt, dass Stauseeholz die Urwälder entlastet. Das sieht auch der Wissenschaftler Bick so: „Vom ökologischen Standpunkt und unter Umweltaspekten ist es nicht nur sehr sinnvoll, sondern angesagt, das Holz zu nutzen, anstatt lebende Wälder einzuschlagen.“ Schließlich seien die Stämme im Wasser tickende Zeitbomben: „Irgendwann zersetzt sich das Holz, dann entweicht extrem klimaschädliches Methan in die Atmosphäre“, sagt Bick.

 

Uneins ist sich die Fachwelt bei der Frage, ob Stauseehölzer Ökosiegel, etwa das des Forest Stewardship Council (FSC), tragen dürfen. Manche Hölzer, etwa aus dem Panama-Kanal, haben das Siegel. Für das Holz aus Surinam, sagt Marko Schulze, ist das eher uninteressant, da ginge es vielmehr um soziale Aspekte. Und die seien erfüllt. „An sich kann das Stauseeholz nicht nach unseren Kriterien zertifiziert werden, da wir die Waldbewirtschaftung in bestehenden Wäldern zertifizieren. Das Holz aus Stauseen kann jedoch bei der Herstellung von FSC-Produkten in begrenzten Anteilen beigegeben werden“, sagt FSC-Sprecher Lars Hoffmann. Bick ist skeptisch. Er findet, dass Nachhaltigkeits-Zertifikate ausschließlich für eine verantwortungsvolle Nutzung sich erneuernder Rohstoffquellen vergeben werden sollten: „Stauseeholz wächst nicht nach und ist daher genauso begrenzt wie die fossilen Rohstoffe Kohle und Öl.“



Der Beitrag erschien im Dezember 2014 in: Süddeutsche Zeitung Wissen

© 2011 Daniel Hautmann