> zurück zur Auswahl

 
Mehr Schatten als Licht - Technology Review / Okt 2014

Kaum eine Technologie wird so emotionsgeladen diskutiert wie das Fracking – das hydraulische Aufbrechen unterirdischen Gesteins. Kein Wunder: Die Methode, die letzten Gas- und Ölreserven zu heben, ist mit vielen Ängsten behaftet. Bürger befürchten verseuchtes Trinkwasser, Naturzerstörung und Erdbeben.

 

Aktuell ist die Debatte um das Fracking in Deutschland neu entflammt. Das Verfahren schürt bei Politikern und Wirtschaftsexperten die Hoffnung, die heimischen Erdgaslagerstätten umfassender ausbeuten zu können und mithin weniger von russischen Rohstoffimporten abhängig zu sein – angesichts des Ukraine-Konflikts ein naheliegender Wunsch. Über die Risiken sind sich Fachleute uneins.

 

\"Keine mir bekannte, halbwegs seriöse wissenschaftliche Studie kommt zu dem Ergebnis, Fracking sei per se unverantwortlich\", sagt Andreas Dahmke, Geologe an der Universität Kiel und Spezialist für Energiespeicherstätten unter Tage. Er fordert, die Risiken enger in Relation zu den tatsächlichen Unfällen zu setzen. In Deutschland wurde bereits einige Hundert Male gefrackt: \"Dabei ist nicht ein Schadensfall aufgetreten, der zu einer Umweltbeeinträchtigung oder Grundwasserkontaminierung geführt hat\", bestätigt Björn Völlmar von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe.

 

Eine vor Kurzem vom Umweltbundesamt (UBA) veröffentlichte Studie warnt dagegen nachdrücklich vor dem unkontrollierten Einsatz des Verfahrens: \"Fracking ist und bleibt eine Risikotechnologie – und braucht enge Leitplanken zum Schutz von Umwelt und Gesundheit. Solange sich wesentliche Risiken dieser Technologie noch nicht sicher vorhersagen und damit beherrschen lassen, sollte es in Deutschland kein Fracking zur Förderung von Schiefer- und Kohleflözgas geben\", betonte UBA-Präsidentin Maria Krautzberger bei der Vorstellung des neuen, über 600 Seiten starken Fracking-II-Gutachtens im Juli dieses Jahres.

 

Vorbild für die Befürworter des Frackings sind die USA: einst Erdgasimporteur, heute -exporteur. Strompreise und CO2-Emissionen sind in den Vereinigten Staaten dank der neuen Fördertechnik deutlich gesunken. Das wäre vielleicht auch in Deutschland möglich. Während Erdgas aus konventionellen Quellen immer schwächer strömt, sehen Fachleute in unkonventionellen Lagerstätten, hauptsächlich Schiefergestein, noch Reserven.

 

Seit 1961 wird in Deutschland sogenanntes \"Tight Gas\" mittels Fracking gefördert. Das Tight Gas sitzt in Gesteinsporen, ist dort aber nicht entstanden, sondern von seiner ursprünglichen Lagerstätte aus hingewandert. Da diese Poren relativ groß und teilweise miteinander verbunden sind, braucht es meist nur eine \"Stimulation\", um sie zu öffnen und das eingeschlossene Gas freizusetzen. Eventuell wird nachgefrackt, um die Förderraten aufrechtzuerhalten.

 

In den unkonventionellen Lagerstätten, um deren Ausbeutung es künftig gehen soll, steckt das Erdgas hingegen im Muttergestein, wo es entstanden ist. Es ist in extrem kleinen, nicht miteinander verbundenen Poren gefangen – und deshalb aufwendiger zu fördern. In mehreren Stimulationen muss Frack-Flüssigkeit – ein Gemisch aus Wasser und Chemikalien – unter hohem Druck ins Gestein gepresst werden, um Fließkanäle (\"Fracks\") zu schaffen. Dazu wird nicht nur vertikal gebohrt, wie bei den Tight-Gas-Lagerstätten, sondern auch horizontal – so lassen sich größere Areale mit einer Bohrung erschließen.

 

Teils liegen die Gas führenden Schichten 1000 bis 7000 Meter tief, sind aber nur 30 Meter hoch. Auf einer Strecke von einem Kilometer werden dann bis zu zehn Fracks eingebracht. Das erfordert zehn bis hundert Mal mehr Flüssigkeit als beim Tight Gas und macht die Technologie teuer: je Bohrung rund 15 Millionen Euro.

 

Ob das Schiefergas-Fracking nicht nur kostspieliger, sondern auch gefährlicher ist als die Tight-Gas-Förderung, ist noch unklar. In den USA verdichten sich mittlerweile Hinweise, die dafür sprechen. \"Es konnte in mehreren Untersuchungen nachgewiesen werden, dass der Gehalt an fossilem Methan im Grundwasser in etwa mit der Anzahl der Bohrungen in einer Region zeitlich wie auch lokal korreliert\", sagt Werner Zittel vom Energie-Beratungsunternehmen Ludwig Bölkow Systemtechnik in Ottobrunn. Das sei schon \"ein starkes Indiz\" für einen kausalen Zusammenhang.

 

Im ersten US-Fracking-Prozess erhielt eine Familie aus Texas kürzlich drei Millionen Dollar Entschädigung für Gesundheitsschäden durch verseuchtes Grundwasser. Und die Environmental Protection Agency erarbeitet gerade eine Studie, die das Grundwasser im frack-freudigen Pennsylvania und im nicht frackenden New York vergleicht. Sollte sich herausstellen, dass Fracking das Wasser belastet, könnte das enorme Strafen für die Verantwortlichen nach sich ziehen.

 

Die Situation in den USA unterscheidet sich allerdings grundlegend von der Ausgangslage in Deutschland. Nicht nur, was die Geologie der Lagerstätten anbelangt, auch hinsichtlich der Gesetzesvorgaben und Sicherheitsstandards. Politik und Industrie haben sich hierzulande auf ein vorläufiges Moratorium geeinigt. Es gilt für Fracks in Schiefergaslagerstätten wie auch für Bohrlöcher, die seit Jahrzehnten in Betrieb sind. Selbst Erkundungen und Probebohrungen sind derzeit ausgesetzt.

 

Für eine weitere Ausbeutung fordert die UBA-Studie eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) für jedes Bohrloch. Mit Untertage-UVPs haben Experten bislang allerdings wenig Erfahrung: \"Da muss man sich nicht nur mit dem Frack-Horizont beschäftigen, sondern mit dem Aufbau des gesamten Untergrundes und den Barriere-Eigenschaften der einzelnen Schichten im Deckgebirge\", sagt Kurt Reinicke, Lehrbeauftragter an der TU Clausthal. Ferner ist eine umfassende Grundwasserbeobachtung nötig, die schon vor der ersten Bohrung beginnen muss. Zudem sollen die Fracks mindestens 1000 Meter entfernt von Grundwasser führenden Schichten stattfinden. Wasserschutzgebiete sind ohnehin tabu.

 

Am meisten Sorge bereitet den Kritikern die chemische Zusammensetzung der Frack-Flüssigkeit. Nach Angaben der Explorateure soll sie zwar zu 99 Prozent aus Wasser bestehen. Doch angesichts der enormen Flüssigkeitsmengen, die bei jedem Frack ins Gestein gepresst werden, entspricht das übrige Prozent immer noch Zehntausenden Litern teils giftiger Substanzen, die in die Umwelt gelangen. \"Darunter karzinogene Stoffe wie Benzol-Derivate\", sagt Zittel. Immerhin hat der US-Ölkonzern ExxonMobil die Zusatzstoffe inzwischen auf seiner Homepage aufgelistet.

 

\"Unstreitig ist für mich, dass die Frack-Fluide möglichst ohne wassergefährdende Stoffe auskommen sollten\", sagt Dahmke. \"Angeblich existieren schon Fluide, die ohne Gefahr für den Mensch trinkbar sind.\" Solche Flüssigkeiten setzen oft auf Stärke aus Biomasse, etwa aus Mais oder Bohnen. Die Pflanzen stünden dann aber nicht mehr als Nahrungsmittel zur Verfügung, wendet Zittel ein. Außerdem würden sie das Wachstum von Bakterien in der Tiefe beschleunigen. So könnte das Gas verunreinigt werden. Um das zu verhindern, müssten wiederum mehr Biozide in die Flüssigkeit gemischt werden – ein zusätzliches Problem.

 

20 bis 60 Prozent der Flüssigkeit kommen mit dem Gas wieder nach oben und müssen entsorgt werden. Teils bringen sie neue Gifte mit: Sie können Schwermetalle, aromatische Kohlenwasserstoffe oder leicht radioaktive Substanzen aus dem Untergrund ausspülen. \"Bei der Entsorgung besteht noch erheblicher Forschungs- und Entwicklungsbedarf. Ein tragfähiges Konzept hat kein Unternehmen vorlegen können\", heißt es in der UBA-Studie.

 

Messreihen in den USA belegen darüber hinaus, dass bei der Förderung, Aufbereitung und Verteilung des Fracking-Erdgases über zahllose Lecks Methan und andere klima- und gesundheitsschädliche Gase in die Atmosphäre gelangen. Für Skeptiker wie Werner Zittel ein weiterer Grund, auf die Fördermethode zu verzichten.

 

\"Ohne Frage wäre es besser, unser Land konzentrierte sich auf umweltverträgliche Energieformen\", resümiert der Energiespezialist. Fossile Brennstoffe seien nun einmal endlich. Auch das Fracking-Gas: Nach Schätzung von Fachleuten könnte sich Deutschland mit seinen Vorräten an Schiefergas bestenfalls zehn Jahre lang selbst versorgen.



Der Beitrag erschien im Oktober 2014 in: Technology Review

© 2011 Daniel Hautmann