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Selbstheilung - Rheinpfalz am Sonntag / Feb 2015

Tote Bäume. Überall tote Bäume. Rund um den Lusen, einem Granitgipfel im Nationalpark Bayerischer Wald, ragen die Baumkadaver zu Tausenden in den Himmel. Als die Orkane Vivian und Wiebke im Februar 1990 über Europa tobten, knickten die Bäume in den Höhenlagen des Nationalparks reihenweise um.

Hier rächten sich die Fehler der Vergangenheit: Man hatte schnell wachsende Fichten gepflanzt, doch die wurzeln nicht sehr tief und halten daher Stürmen nicht gut stand. Das viele Totholz lud den Borkenkäfer zu einem Festmahl ein. Jahrelang fraß sich die Meute durch den Wald. Zeitweise waren Milliarden Tiere zugange und bohrten ihre Gänge auch in die gesunden Bäume. „Auf dem Höhepunkt, 1997, brachte der Borkenkäfer über 800 Hektar Fichtenwald innerhalb Weniger Wochen zum Absterben. Das gewohnte Waldbild der Hochlagen, mit ihren dunklen grünen Wäldern, verwandelte sich fast über Nacht in ein gelbrotes, abgestorbenes Gebilde“, erinnert sich Karl Friedrich Sinner, von 1998 bis 2011 Leiter der Nationalparkverwaltung.

Sinner hat viel übrig für den Wald, kein Wunder, er ist in ihm aufgewachsen, in einem kleinen Dorf im Spessart, wo sich Bayern und Hessen auf einer kurzen Strecke begegnen. Sein Vater leitete das Forstamt dort und der Wald war Sinners Abenteuerspielplatz. Die Arbeit des Vaters faszinierte ihn: Mit Entscheidungen zu leben, die vor 100 Jahren gefällt wurden und selbst solche Entscheidungen zu treffen. Die Mutter öffnete ihm die Augen für die Schönheit der Natur.

Als der Borkenkäfer 1997 wütet, ist Sinner schon ein erfahrener Forstdirektor. Er arbeitet in Nürnberg. Sein Job: die Monokulturen des Reichswalds, der auf Nutzung getrimmt war, in einen naturnahen Mischwald zu überführen. Dann erhält er einen Anruf vom Ministerium aus München: Ob er Interesse hätte, die Nationalparkleitung zu übernehmen? Sinner, damals 51, nimmt an und hat ab 1998 das Sagen. Der Borkenkäfer, den er mehr als Freund denn als Feind ansieht, wird von alleine wieder verschwinden, dessen ist er sich sicher. Genauso kommt es.

Wer heute rund um den Lusen durch den Wald streift, der sieht zwar immer noch viele tote Bäume, aber genauso, wie ein junger Urwald die Regie übernimmt. Zarte Bäumchen und Pilze sprießen aus vermoderndem, wild durcheinanderliegendem Holz. Käfer krabbeln über die Blätter. Vögel fressen sich an Insekten satt. Ohne den Borkenkäferwäre es nie dazu gekommen. Anderswo wäre man ihn mit Chemie bekämpft, um das Holz zu retten und den wirtschaftlichen Schaden abzuwenden. Doch da erlaubt die Philosophie des Nationalparks nicht. Und so erlebte der Wald eine ungekannte Verjüngungskur: Die abgestorbenen Bäume brachten den nährstoffarmen Silikatböden in den Höhenlagen einen regelrechten Nährstoffschub und schufen die Grundlage für frisches Leben.

Baum und Käfer helfen sich offenbar gegenseitig. Der Fichtenborkenkäfer kann sich massenhaft vermehren – manche Weibchen setzen in einem günstigen Jahr 100.000 Nachkommen in die Welt. Den Klimawandelmit seinen höheren Temperaturen mögen die Insekten ebenfalls: Sie schwärmen nach dem Winter früh aus und bringen es auf mehrere Generationen pro Saison. Doch das nützt genauso der Fichte. Die alten Bäume halten dem Käfer nicht mehr stand. Sie sterben ab, hinterlassen Lücken und dadurch öffnet sich das Kronendach. Das Licht dringt zu den jungen Bäumen am Boden und sie können wachsen. In den Bergmischwäldern aus Fichten, Tannen und Buchen sichert sich die Fichte so einen entscheidenden Vorsprung vor Baumarten Wie Buche oder Tanne, die auch Im Schatten gut klarkommen.

Dieses evolutionäre Zusammenspiel zwischen Pflanze und Tierart in der Alterungs- und Zerfallsphase natürlicher Wälder, war den Forstwissenschaftlern bisher weitgehend unbekannt. Woher sollten die Experten das auch wissen? Wirtschaftswälder mit ihrer viel kürzeren Lebensdauer haben keine Zeit, um sich von allein zu regenerieren. „Erst die Wälder des Nationalparks, die nicht dem wirtschaftlichen Zweck der Holzproduktion unterliegen, ermöglichten das Erkennen dieser ökologischen Zusammenhänge“, betont Sinner.

Während man üblicherweise 1200 bis 1500 Bäumchen pro Hektar wieder aufforstet, wachsen von Natur aus an die 5000 auf der gleichen Fläche. Wenn der Mensch nicht eingreift, steht der Wald nicht Spalier, sondern es entsteht ein chaotisches Durcheinander aus umgestürzten und durcheinanderliegenden Stämmen, das gesund ist, wenig anfällig für Krankheiten und das dem Leben viel Unterschlupf bietet. Über 7300 Tier- und Pflanzenarten wurden im Bayerischer Wald gezählt, darunter so seltene Spezies wie der goldfüßige Schnellkäfer, der duftende Feuerschwamm oder die zitronengelbe Tramete.

Insgesamt schätzt man die Artenvielfalt im Nationalpark auf rund 14.000. Zum Vergleich: Deutschlandweit gibt es etwa 60.000. Rund 2000 verschiedene Pilzarten wachsen mittlerweile im Bayerischen Wald – zehnmal mehr als in einem Wirtschaftswald. „Leben im Wald beginnt erst so richtig, wenn der Baum vom eigenen Leben zum Lebensmittel für Viele geworden ist“, sagt Sinner.

Ein Triumph der Natur, der viel menschliches Beharrungsvermögen brauchte. Als der Borkenkäfer in den 1990er Jahren den Wald übernahm, warf man der Nationalparkverwaltung Untätigkeit vor. Die Holzwirtschaft war wütend darüber, dass man gutes, gewinnbringendes Holz einfach den Insekten überließ. Die Tourismusbranche fürchtete, dass die Besucher scharenweise ausbleiben würden – und das in einer strukturschwachen Gegend. Wer will schon tote Bäume sehen? Kurzzeitig gab es Entwarnung, 2000 tauchte der Käfer unter. Doch 2011, nach dem Sturm, war er wieder da. Auch das hatte man zu lernen: Dass der natürliche Lauf ein Kommen und Gehen ist.

Seit seiner Eröffnung am7. Oktober 1970 erregt der Nationalpark die Gemüter. Anfangswurde er von den Einheimischen noch unterstützt – hofften sie doch, dass der Tourismus ein wenig Geld in die arme Gegend bringen könnte. Doch schon bald wendete sich das Blatt. „Problematisch wurde es, als der Nationalpark daran ging, das zu tun, was einen Nationalpark ausmacht: nicht in den natürlich Lauf der Dinge einzugreifen, Natur Natur sein lassen“, erzählt Sinner. „Das widersprach allen Traditionen und vermeintlichen Erkenntnissen der Forstwirtschaft.“

Eine aktive Gegnerschaft entstand. Die Nationalparkverwaltung hielt mit massiver Aufklärungsarbeit dagegen und so formierten sich auch die Befürworter der Idee, das Ökosystem sich selbst zu überlassen. „Anfangs gab es Befürchtungen, dass der Wald komplett verschwinden könnte und eine Grassteppe entsteht“, sagt Franz Leibl, der den Nationalpark heute leitet. Doch: „Die Natur hat uns einen ganz anderen Weg gezeigt. Einen Wald mit einem sehr heterogenen Muster. Typisch für einen Urwald.“

Die bayerischen Erfahrungen machen inzwischen Schule. Auch in den Harz, wo es seit 1990 einen Nationalpark gibt, kehrt die Wildnis zurück. Und auch hier ging es zwischen Umweltschützern und Forstwirtschaftlern nicht immer harmonisch zu. Vor Jahrhunderten wurden wegen des Erzabbaus die Laubbäume massiv abgeholzt und durch schnellwachsende Fichten ersetzt. „Erst seit ein paar Jahrzehnten gibt es Bestrebungen, dem Laubwald wieder mehr Raum zu geben“, meint Nationalparkleiter Andreas Pusch. Man lässt dem Borkenkäfer freien Lauf. „Das Waldbild in den Hochlagen ist abwechslungsreicher geworden. Der Wald wird bunt“, Pusch. Sogar der Luchs sei zurückgekehrt.

Seit Anfang 2014 hat auch im Schwarzwald die Natur wieder mehr Raum. „Im 100 Jahre alten Bannwald ,Wilder See’ hat sich ein Mosaik aus jungen, alten und abgestorbenen Bäumen entwickelt“, sagt Wolfgang Schlund, Leiter des Nationalparks. „Wir glauben, dass sich der Wald in vergleichbaren Lagen im Nationalpark ähnlich entwickeln wird. Wir sind auf alle Fälle sehr gespannt.“

Wildnis. Das ist es, was Karl Friedrich Sinner als Junge suchte, als er durch die Wälder im Spessart streifte. Heute ist er 68 und dieses Gefühl hat ihn nicht losgelassen: „Das Erleben einer vom Menschen unabhängigen Welt, die frei ist von den Regeln und Vorschriften, die unseren Alltag bestimmen. Wildnis ist das ursprüngliche Leben und Sterben, das von der Evolution geprägte Leben der Natur auf dieser Erde. Das Neben- und Miteinander von Alt und Jung, von Lebendig und Tot, von Dunkel und Schattig. Wildnis bringt uns näher an Die Wurzeln unserer Existenz. “Davon ist Sinner überzeugt.

Wer hätte gedacht, dass der Tod so viel Leben hervorbringt? Und wer hätte gedacht, dass die Natur sich so schnell erholt von uns Menschen? Man muss sie einfach nur ein bisschen in Ruhe lassen.



Der Beitrag erschien im Februar 2015 in: Rheinpfalz am Sonntag

© 2011 Daniel Hautmann