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Ein Schiff wird kommen - neue energie / Juli 2012

Während die Bundesregierung den Ausbau der Offshore-Windkraft forciert, positionieren sich die Häfen an Deutschlands Küsten. Wegen der enorm schweren und großen Bauteile kommen auf sie ganz besondere Anforderungen zu – gleichzeitig aber auch lukrative Geschäfte.


Riesenhaft ragen die rostigen Stahlbauteile in den Himmel. Rund zwei Dutzend sogenannte Tripoden drängen sich an der Hafenkante des „Offshore-Terminal ABC-Halbinsel“ in Bremerhaven. Schon von weitem sieht man das gelb leuchtende Verbindungsstück, das später aus dem Wasser ragen und den Turm der Windkraftanlage aufnehmen wird. Die Fundamente sind Spezialentwicklungen für das fünf Megawatt (MW) starke Windrad von Areva Wind, das auch schon im Testfeld Alpha Ventus aufgebaut wurde. Jedes ist 60 Meter hoch und 860 Tonnen schwer. Gebaut werden die Stahlfüße bei Weserwind, nur wenige Kilometer von der ABC-Halbinsel entfernt. Um die überdimensionalen Bauteile zwischen den beiden Standorten zu bewegen, konstruierte der Hafenbetreiber BLG Logistics eigens einen Ponton. Das acht Millionen Euro teure Floß ist mit einem Schienen- und einem Laschsystem ausgerüstet. So können die Tripoden bequem verladen werden. Im ABC-Terminal werden sie von drei so genannten SMPT’s, self propelled Modular Transporters, bewegt.

Was auf der ABC-Halbinsel passiert, ist kein gewöhnlicher Hafendienst. Die Offshore-Windkraft verändert den Hafenbetrieb gewaltig. Windradkomponenten sind überdimensional, sie sind groß und schwer. „Superschwergut“, bringt es Andreas Wellbrock, verantwortlich für den BLG-Windbereich, auf den Punkt. Ein Container wiegt maximal 40 Tonnen. Eine Windradgondel bringt derweil schnell 350 Tonnen auf die Waage. Fundamente gar an die 1000 Tonnen. „Früher bewegten die Hafenarbeiter maximal 200 Tonnen, jetzt sind es 1000“, sagt Wellbrock.

Zehn Millionen für Basishafen

BLG Logistics, das Kürzel steht für Bremer Lagerhaus-Gesellschaft, ist ein Riese unter den Logistikunternehmen im maritimen Bereich. Rund 16.000 Mitarbeiter beschäftigt die Gruppe. In erster Linie verschifft BLG Autos und Container. Windkraft ist ein neues Geschäft. Und ein viel versprechendes. Deshalb hat BLG den Standort auf der ABC-Halbinsel ausgebaut, für zehn Millionen Euro. Jetzt ist er einer von Deutschlands wichtigsten Offshore-Basishäfen – so heißen die Häfen, in denen Komponenten gefertigt und umgeschlagen werden. Dabei passen auf das 100.000 Quadratmeter große Gelände in Bremerhaven gerade 50 Tripod-Fundamente.

Um das Ausbauziel der Bundesregierung umzusetzen, braucht Deutschland noch viel mehr Häfen – oder zumindest leistungsfähigere. „Aus unserer Sicht wird nicht genügend Hafenkapazität zur Verfügung stehen“, sagt Andreas Wellbrock. Auch Ronny Meyer von der Windenergie-Agentur (WAB) in Bremerhaven ist von der aktuellen Hafensituation nicht gerade überzeugt „Viele Häfen behaupten alles zu können. Das stimmt aber nicht.“

Die Anforderungen an einen Hafen, in dem Windradkomponenten umgeschlagen werden, sind enorm. Vor allem ist es die Größe und das Gewicht der Teile, die das Handling umständlich machen. 70 Meter lange Flügel, 350 Tonnen schwere Maschinenhäuser und 60 Meter hohe Fundamente brauchen andere Hafenstrukturen als 20-Fuß-Container oder Autos. Und Hunderte Tonnen schwere Fundamente erst recht. So ist vor allem die Schwerlastfähigkeit eines Kais ein Argument. Gewöhnlich sind die betonierten Hafenplatten für eine Belastung von zwei bis drei Tonnen je Quadratmeter ausgelegt. Der Windradumschlag aber verlangt 10 bis 20 Tonnen je Quadratmeter. Das bedeutet massive Umbaumaßnahmen – und damit enorme Kosten Ein Quadratmeter kostet rund 1200 Euro. Ein weiteres Argument ist die Wassertiefe im Hafen. Schließlich müssen die Komponenten direkt auf die Errichterschiffe oder die Zulieferbarges geladen werden. Dazu brauchen die Jack-Up-Barges etwa zehn Meter tiefes Wasser. Ferner muss auch der Grund im Hafenbecken belastet werden können, schließlich „jacken“ sich die Schiffe dort zum Beladen auf, stützen sich also auf ihren vier Füßen am Meeresgrund ab. „Die Beschaffenheit des Hafenbodens bis dicht an die Hafenkante ist ein wichtiges Argument“, sagt Meyer.

Zudem wird viel Fläche benötigt. Schließlich müssen die Bauteile oft monatelang gelagert werden, ehe sie auf ein Schiff geladen und auf See installiert werden. „Die Komponenten warten auf das Schiff – und nicht umgekehrt“, erklärt Meyer. Das viel zitierte Wetterfenster ist nur ein Grund von vielen, weshalb Zu- und Abfluss der Komponenten nicht identisch sind. „Kontinuierliche Fertigung aber diskontinuierliche Abfuhr“, sagt BLG-Mann Andreas Wellbrock.

Gerade hat die „Victoria Mathias“ an der 900 Meter langen Hafenkante der ABC-Halbinsel fest gemacht. Das Installationsschiff gehört dem RWE-Konzern und soll dabei helfen, Offshore-Windparks wie „Nordsee Ost“ zu errichten. 35 Kilometer nördlich von Helgoland sollen sich schon im nächsten Jahr die Rotoren von 48 Repower-Windrädern drehen und zusammen 295 MW Nennleistung bereitstellen. Acht Jacket-Fundamente, riesige Fachwerktürme, für das Projekt stehen derzeit auf Pontons vor dem Terminal. Sie wurden bei Kvaerner in Norwegen gefertigt, müssen auf Grund von Verzögerungen – der Park wird ein Jahr später als geplant fertig – zwischen gelagert werden. Die dreibeinigen Riesengestelle, die noch auf dem Hafengelände stehen, sind für die Windfarmen „Borkum West“ und „Global Tech 1“ mit jeweils 80 Anlagen bestimmt und werden Fünf-MW-Maschinen von Areva Wind tragen.

280 Windturbinen pro Jahr

In Planung sind noch Dutzende weitere Parks. Geht es nach der Bundesregierung, dann sollen bis zum Jahr 2030 bis zu 25 Gigawatt in Nord- und Ostsee stehen. Heißt 5000 Maschinen á fünf MW. Also rund 280 zu installierende Anlagen pro Jahr. Mit dem BLG-Offshore-Terminal allein ist das nicht zu schaffen. Das ist auch Andreas Wellbrock bewusst „Wir brauchen mindestens drei Basishäfen in der Nordsee und einen in der Ostsee.“

Natürlich gibt es noch weitere Standorte. Zu nennen sind neben Bremerhaven vor allem Cuxhaven und Emden in Niedersachsen. In Schleswig Holstein positioniert sich Brunsbüttel und für den Ostseeraum hat Sassnitz gute Karten. Insgesamt flossen bislang rund eine Milliarde Euros in den Ausbau der Deutschen Häfen, etwa ein Drittel davon steuerten die Länder bei. Die sind nämlich nur für den eigentlichen Hafen zuständig, alles technische, die sogenannte Suprastruktur, ist Sache der Hafenbetreiber.

65 Millionen für Erweiterung

Cuxhaven ist die eigentliche Nummer Eins. Der sogenannte Cuxport liegt an der Elbemündung ideal. Weder Schleusen limitieren die Zufahrt, noch die Tiefe vor der Kaikante. Zu den Parks in der Nordsee ist es quasi ein Katzensprung. Das Gelände ist 245.000 Quadratmeter groß, schwerlastfähig und bietet einen gravierenden Vorteil hier wird in direkter Nachbarschaft produziert. Die Fundamente für Bard entstehen bei der Cuxhaven Steel Construction GmbH. Der Baukonzern Ambau ist vertreten, und will bald die Stahlturmproduktion aufnehmen. Genauso Strabag, die hier Beton-Schwerlastfundamente für den Windpark „Albatros 1“ fertigt, um nur einige zu nennen. Doch der Cuxport ist nicht allein. Neuerdings gibt es noch die „Offshore Basis Cuxhafen“, eine Anlage, die speziell für den Umschlag von Windradkomponenten entworfen und vom Land Niedersachsen und der EU bezuschusst wurde. Allein in die Erweiterung, die seit 2010 gebaut wird, investiert das Land Niedersachsen 65 Millionen Euro. Weitere 31 Millionen Euro stecken Bund und Land in die Erschließung von Gewerbeflächen in direkter Nähe. Nach der Erweiterung stehen 900 Meter Kailänge zur Verfügung und von der 1500 Quadratmeter großen Schwerlastplattform können sogar ganze Windräder samt Fundament verladen werden – sie trägt 90 Tonnen je Quadratmeter.

Anlagen wie die oben genannte Offshore Basis Cuxhafen findet Ronny Meyer geradezu ideal „Die Produktion sollte in der Nähe des Hafens sein. Wir brauchen einen zentralen logistischen Ansatz von der Fabrik zur Baustelle. So eine Art Werftprinzip.“ Meyer sieht beide Häfen, sowohl Cux- als auch Bremerhaven in einer guten Position, vor allem weil in der Umgebung gefertigt wird. Zudem hätten beide Häfen konkrete Ausbaupläne.

Gerade stockt der Ausbau allerdings gewaltig. Mal wieder steht die Windbranche vor einem klassischen Henne-Ei-Problem. Geht es nach den Hafenbetreibern, so wäre es ihnen am Liebsten, jetzt schon konkrete Verträge über zu handelnde Anlagen aufzusetzen. Darauf lassen sich die Windparkbauer aber nicht ein, weil sie wiederum nicht wissen, wie der Netzausbau voran geht oder die Produktion der Windräder. Und so wird eben nur zögerlich investiert. „Es gibt politische Ziele, aber sind die auch realistisch“, fragt Ronny Meyer.

Einer, der so ziemlich alle Häfen in der Nordsee kennt, ist Björn Pistol. Der Strategieberater ist für Uniconsult tätig, einem Tochterunternehmen der Hamburger Hafen und Logistik AG. Pistol hat sich im Rahmen einer Studie intensiv mit dem Thema beschäftigt „Wir haben eigentlich gegenwärtig drei Häfen an der Nordsee, die operieren Bremerhaven, Cuxhaven und Esbjergen in Dänemark.“ Doch wirklich begonnen hat der Aufbau der Offshore-Parks ja noch gar nicht „Alles in allem sind im Nordseeraum 283 Parks in Planung. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Nachfrage wesentlich größer ist, als drei Häfen.“

Pistol rechnet vor Ein Park hat 80 Anlagen. Damit sei ein Hafen für rund ein Jahr ausgelastet. Und das dänische Esbjerg zählen Fachleute dabei noch nicht mal voll zu den Offshore-Basishäfen. Denn in Esbjerg werden bislang nur die verhältnismäßig kleinen und leichten Windräder von Siemens und Vestas umgeschlagen, gebaut wird im Hafen quasi gar nichts.

Turbinenverschiffung nach Großbritannien 

In puncto Offshore-Wind ist Großbritannien das Maß der Dinge. Vor allem mit der sogenannten Round 3 stürmen die Briten auf See, einer gigantischen Ausschreibung für Windräder. Doch geeignete Häfen sind auf der Insel rar. Auf Grund der Deindustrialisierung der letzten Jahrzehnte fehlt es quasi an allem. Umso besser für die anderen Länder. Nicht nur in Deutschlands Häfen rechnet man sich gute Geschäfte aus. Auch in den Niederlanden, etwa in Eemshaven freut man sich auf Round 3. So werden wohl zahlreiche Parks vom Europäischen Festland aus bestückt. Das ist übrigens bereits heute der Fall Die Windfarm „Ormonde“ in der Irischen See etwa erhielt ihre Flügel aus Brunsbüttel, die Fundamente aus Cuxhaven und die Gondeln aus Bremerhaven. Alles wurde zunächst nach Belfast geliefert und von dort aus schließlich ins Baufeld gefahren. „Ein enormer logistischer Aufwand“, resümiert Pistol.

Die Ostseehäfen werden bei Round 3 zwar nicht mitmischen, dafür passiert aber vor der eigenen Haustüre genug. Auch wenn bislang nur wenige Windräder im Wasser stehen, geplant sind Dutzende Windfarmen. Im letzten Jahr kam „Baltic 1“ dazu, ein Park vom Energieversorger EnBW mit 21 Siemens-Windrädern. Aufgebaut wurde die Windfarm hauptsächlich von Sassnitz aus. Sassnitz auf der Insel Rügen liegt ideal. Zudem ist die nötige Infrastruktur vorhanden. In den letzten Jahren wurde von hier aus ein Teil der Ostsee-Pipeline „Nord Stream“ gebaut. Mit schweren Bauteilen kennt man sich also aus.

Deutschlands Super-Offshore-Basis besteht bislang aber nur auf dem Papier. Entstehen soll sie in Bremerhaven OTB – das Offshore Terminal Bremerhaven. 14,5 Meter Wassertiefe, 500 Meter Kaikante, schwerlastfähig und Platz ohne Ende prädestinieren den Standort an der Weser. Pro Jahr sollen hier 160 Windräder umgeschlagen werden. Kosten für den Ausbau 200 Million Euro. Die sollen rein privatwirtschaftlich aufgebracht werden. Dazu werden gerade Investoren gesucht. BLG ist einer der Bewerber. Die anderen heißen Rhenus, Bilfinger Berger, Hochtief und Co. Fertig wird der Superhafen frühestens 2014. Björn Pistol „Die Offshore-Welt schaut nach Bremerhaven.“ Bleibt abzuwarten, welche Häfen sich tatsächlich etablieren können. Oder ob gar am Ende die Kapazitäten gar nicht ausreichen.

Weitere Infos www.zds-seehaefen.deoffshore_hafenatlas.html




Das passiert an den Küsten

[Fahne] Schleswig-Holstein hat vor allem mit Brunsbüttel ein Ass im Ärmel. Der Standort bietet durch den Nord-Ostsee-Kanal Zugang zu beiden Meeren und reichlich Industrieflächen. Zudem bietet Rendsburg gute Voraussetzungen als Installationsbasis. Unlängst vereinbarten die Nordseehäfen in Schleswig-Holstein, die „Hafenkooperation Offshore-Häfen Nordsee SH“, eine Vernetzung der Häfen, um der Windkraft ein allumfassendes Logistikangebot bieten zu können.

[Fahne] Niedersachsen ist das Offshore-Bundesland Nummer Eins. Mit Papenburg, Emden (Rysumer Nacken), Wilhelmshaven, Brake, Bremen, Nordenham, Bremer- und Cuxhaven sowie Stade bestehen gute Standorte, die allerdings ausgebaut werden müssen. Vor allem die Nähe zu den zahlreichen Parks in der Nordsee prädestiniert das Küstenland. Zudem wittern die Niedersachsen gute Geschäfte durch „Round 3“ rund um Großbritannien.

[Fahne] In Mecklenburg-Vorpommern an der Ostseeküste hat Sassnitz die besten Karten. Der östlichste Tiefwasserhafen der  Deutschen verfügt wegen der unlängst gebauten Pipeline Nordstream über Erfahrung mit dem Handling großer Komponenten und die nötige Infrastruktur. Auch Stralsund, Rostock, Wismar, Lübeck und Kiel bieten gute Voraussetzungen als Basis- und Servicehafen.


Der Beitrag erschien im Juli 2012 in: neue energie

© 2011 Daniel Hautmann