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Im Test: 29er MTB mit E-Motor - Süddeutsche Zeitung / Mai 2012

Pedelecs, also Räder mit Motorunterstützung, sind längst keine Seniorenvehikel mehr. Corratec aus dem oberbayerischen Raubling vereint mit dem E29er Cross zwei Trends: Das Mountainbike hat 29-Zoll-Räder, – das bringt Laufruhe und das erhabene Gefühl mit sich, einen Monstertruck zu lenken. Zudem unterstützt ein 250 Watt starker Elektromotor den Fahrer, aber nur, wenn der in die Pedale tritt. Der Motor sitzt dort, wo normalerweise der Umwerfer und die drei Kettenblätter ihren Dienst tun und verlagert mit seinen vier Kilogramm Gewicht den Schwerpunkt weit nach unten.

Dadurch büßt das Rad an Geländegängigkeit ein – gerade weil der Motor weiter nach unten reicht als das Kettenblatt, und dadurch gerne mal aneckt. Dafür lassen sich lange, steile Anstiege spielend erklimmen. Für Schnellfahrer ist das Bike allerdings nichts: bei 25 km/h riegelt die Elektronik ab. Im Gelände eröffnen sich dafür ganz neue Routen: Im Test auf Fehmarn ließ sich das Rad dank der dicken Bereifung selbst durch tiefen Sand steuern, was mordsmäßig Spaß macht.

Auf der großen Inselrundfahrt – etwa 80 Kilometer lange Singletracks entlang des Ufers – freuten sich die untrainierten Waden immens über die tatkräftige Unterstützung aus dem 2,5 Kilogramm schweren Lithium-Ionen-Akku. Aber eben nur so lange auch genügend Strom im Speicher steckt! Ist der Akku leer, wird das E-Bike zur Qual, wie der Tester auf den letzten Kilometern erfahren musste. Dann nämlich wiegt das Rad mit 20,3 Kilogramm, im Vergleich mit anderen Pedelecs zwar relativ wenig, für untrainierte Waden aber trotzdem ungefähr zehn Kilo zu viel. Und die machen sich bei jeder Kurbelumdrehung bemerkbar.

Fairerweise muss gesagt werden, dass der Fahrer erheblichen Einfluss auf die Reichweite hat. Wobei die Einflussnahme alles andere als profan ist: Die Antriebseinheit vom Automobilzulieferer Bosch macht zwar einen überaus robusten Eindruck – und hielt die Testwoche trotz Salzwassers auch problemlos durch – doch die Anzahl an Einstellungsoptionen überfordert. Am beleuchteten Lenker-Display lassen sich vier verschiedene Modi (Eco/Tour/Sport/Speed) mit jeweils drei unterschiedlichen Stufen anwählen. Der Fahrer hat also die Wahl zwischen zwölf Varianten.

Je nach Einstellung reicht eine Akkuladung laut Hersteller zwischen 35 und 145 Kilometer weit. Im Test zeigte sich aber, dass im Gelände mehr als 60 Kilometer kaum drin sind, wenn man von der Unterstützung auch etwas spüren will. Und zum ausschließlichen Rollen auf Asphalt ist ein 29er Mountainbike ja wohl kaum gedacht.

Ausstattungsmäßig ist das 2699 Euro teure E-Bike erste Sahne: Shimano Scheibenbremsen, XT-10-Gang-Schaltung, Manitou Federgabel. Auch Felgen, Lenker, Griffe und Sattel sind anständig. Das Ladegerät ist zwar stabil, mit einem Kilo zum Mitnehmen auf die Tour aber schlicht zu schwer. Zu Hause an der Steckdose sind die Batterien, die im Zubehör rund 650 Euro kosten, in rund zwei Stunden geladen.

Fazit: Das Corratec E29er Cross bringt echten Spaß und eröffnet neue Routen. Ein echter Wermutstropfen ist allerdings die beschränkte Reichweite. Für Menschen, die im Hügeligen leben und nur kurze Strecken fahren, kann es aber eine Option sein.


Der Beitrag erschien am 21. Mai 2012 in: Süddeutsche Zeitung

© 2011 Daniel Hautmann