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Die Windkraft-Punks - neue energie / März 2012

In Eigenregie bauten Dänen in den 1970er Jahren ein Windrad der Megawattklasse. Damals war es das größte der Welt und noch heute läuft es. Die Anlage war wegweisend für eine ganze Branche.


Revolution. Strom aus Wind. Das gab es bislang nicht, jedenfalls nicht in dieser Dimension. Zwei Megawatt stark, 53 Meter hoch, 54 Meter Rotordurchmesser. Mit ihrem Riesenwindrad wollten die Revoluzzer alles überragen und vor allem ein Zeichen setzen: „Je größer, desto sichtbarer“, freut sich Britta Jensen.

Jensen war Studentin als alles begann: Anfang der 70er Jahre kaufte eine kleine Gruppe von Ideologen einen Bauernhof am Ringkøbing Fjord, an Dänemarks Westküste. Tvind hieß das Gehöft. Und so sollte auch die alternative Schule heißen, die die Gruppe hier gründen wollte. Als im Zuge der Energiekrise 1974 die Heizkosten enorm stiegen, schmiedeten die Lehrer und Studenten Pläne: Ein gigantisches Windrad wollten sie bauen und sich selbst mit grüner Energie versorgen. Bis zum 26. März 1978 wurden sie als Spinner belächelt. An diesem Tag, nach drei Jahren Bauzeit, erzeugte das „Tvind-Rad“ die erste Kilowattstunde.

Tatsächlich war die Anlage dann ein Megawatt stark. Ursprünglich wollten sie die selbst ernannten Entwickler mit 45 Umdrehungen je Minute kreisen lassen. Doch das hätte die Maschine nicht lange mitgemacht. Also wurde die Drehzahl auf maximal 28 Runden reduziert, womit die Energieausbeute sank. Die Anekdote zeigt, wie blauäugig die jungen Menschen waren. „Genau diese Naivität war es, die es ihnen ermöglichte, so groß und vorausschauend zu denken“, ist Britta Jensen, heute 65 Jahre alt und immer noch Teil der Gemeinde, überzeugt.

So günstig war kein zweites Windrad

Die Energie wollten sie so umweltfreundlich wie möglich erzeugen, ohne Öl, Kohle oder Gas. Ihnen ging es nicht darum, Strom ins Netz zu speisen und Geld zu verdienen. Sie wollten mit überdimensionalen Tauchsiedern Wasser für die Heizung erhitzen. Dazu brauchten sie Strom. Windkraft war dafür ideal – und ist es bis heute geblieben. Rund 550 Kilowatt (kW) fließen direkt in die Heißwasserproduktion, weiterer Strom wird direkt im Gebäude genutzt. Was dann noch übrig ist, wandert ins Netz. Höchstens aber 400 kW – mehr schafft der selbstgebaute Frequenzumrichter nicht. Im Sommer, wenn die Heizung nicht läuft, aber der Wind bläst, läuft die Anlage gedrosselt. Das soll sich ändern: Derzeit basteln die Dänen an einem neuen, leistungsstarken Umrichter, den sie dieses Jahr einbauen wollen. „Wir optimieren und modifizieren die Anlage ständig“, sagt Britta Jensen.

7,5 Millionen dänische Kronen, rund eine Million Euro, hat die Tvind-Gemeinde für ihr Windrad aufgebracht – so günstig wurde wohl keine zweite Megawattanlage mehr gebaut. Entsprechend interessiert war die Windkraftgemeinde schon damals an dem verrückten Plan. Wissenschaftler, Ingenieure und Studenten reisten regelmäßig an den Ringkøbing Fjord. „Leute aus der ganzen Welt kamen zu uns, um zu lernen was Windkraft ist. Selbst die Wissenschaftler aus Risø“, erinnert sich Jensen. Einer der Besucher, damals noch ein junger Kerl, heute Windkraft-Cheftechnologe bei Siemens, war Henrik Stiesdal: „Meiner Meinung nach hat die Tvind-Anlage den Weg bereitet, indem sie sehr früh demonstrierte, dass riesige Windräder gebaut werden können. Für meine berufliche Laufbahn war Tvind von grundlegender Bedeutung.“

Von Industrie war die Windkraft damals noch weit entfernt. Die Windfans, die das Tvind-Rad konstruierten und bauten, wurden per Annonce angesprochen: „Freiwillige zum Bau einer Windkraftanlage gesucht“. Gemeldet hatten sich zahlreiche Interessierte, Fachmann war keiner. Learning by doing, hieß die Devise. Der Bau der Anlage war schließlich auch ein Bildungsprojekt, eine Idee, die möglichst oft und in aller Welt Nachahmer finden sollte. Das Durchschnittsalter der Bastler, die sich meldeten, betrug 21 Jahre. Für Geld kam keiner, es gab keins. Allein die Aktion, das größte Windrad der Welt zu errichten, musste Lohn genug sein. „Innovation entsteht in den Köpfen junger, freier Menschen, nicht in den Führungsetagen der Industrie“, sagt Britta Jensen. Erst als es konkret wurde, und alle Teile für das Windrad organisiert waren, engagierten sie zwei Ingenieure, die die Anlage berechneten.
Die Grube für das Fundament hoben die Freiwilligen teils in Handarbeit aus. Auch das Fundament und den Turm aus Beton haben sie selbst gebaut. Und dabei Lehrgeld bezahlt: Sie hatten sich verrechnet und zu wenig Beton geordert, brauchten letztlich doppelt so viel. Also wurde Geld gesammelt. Etwas dazu geben, das ist die Tvind-Philosophie.

Was es nicht geschenkt gab oder selbst gebaut werden konnte, wurde für kleines Geld gekauft. So fanden sie das 20 Tonnen schwere Stirnradgetriebe in einer stillgelegten Kupfermine. Für 50.000 Dänische Kronen, heute in etwa 6700 Euro, bekamen sie es. Das Hauptlager hielt mal die Schiffswelle eines Öltankers in Position und wurde auf einem Schiffsfriedhof ergattert. Den Synchron-Generator organisierten sie in einer alten Papierfabrik.

Nur Rotorblätter ließen sich auf dem Gebrauchtmarkt nicht auftreiben. Eine Zulieferindustrie, speziell für derart große Blätter, gab es damals nicht. Also bauten die Tvind-Rad-Konstrukteure auch die Blätter in Eigenregie. Hilfe bekamen sie vom Aerodynamiker Ulrich Hütter, damals am Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Stuttgart tätig und für die Konstruktion von Windrädern bekannt. Doch wo sollten sie die 27 Meter langen Flügel bauen? Im engen Klassenzimmer? Die rettende Idee bestand darin, einen mobilen Flugzeughangar zu mieten und ihn neben die Baustelle zu platzieren. In dem Hangar bauten sie zunächst die Negativform, dann laminierten sie die drei Blätter – genau wie heute üblich mit Glasfasergewebe und Kunstfaserharz. Diese Methode sollte sich als ideal erweisen: Tausende Blätter sind nach diesem Prinzip gefertigt worden. Kurz nach der Errichtung der Tvind-Anlage erstand der Blattproduzent Ökär die Negativform. Ökär versorgte damit Unternehmen wie Vestas, Bonus, Nordtank, und später auch Enercon mit Flügeln, die so ihre ersten Anlagen bauen konnten.

Vorbild der Windindustrie

Wegweisend war auch der Einsatz eines Rechners, der die Anlage steuert. Der Einplatinencomputer, Modell „Z80“, war damals das Maß der Dinge, heute kann jedes Handy mehr. Der Computer steuert den Anstellwinkel der Blätter, das Drehen der Anlage in den Wind, analysiert die Windgeschwindigkeit und überwacht die Drehzahl. Auch er ist mittlerweile in die Jahre gekommen und soll demnächst erneuert werden, wofür die Tvind-Leute wie in alten Tagen noch Freiwillige suchen, diesmal Computerspezialisten.
Natürlich stand die Anlage immer wieder still, etwa wegen Rotorblattschadens Anfang der 1990er Jahre. Doch im Großen und Ganzen produziert sie seit 35 Jahren Strom. Andere Anlagen, wie Growian oder die Ein- und Zweiflügler „Mod“ der Nasa, die etwa zur selben Zeit getestet wurden, scheiterten gänzlich. „Dass die Anlage so lange läuft, ist schon beeindruckend“, sagt Preben Maegaard, Erneuerbaren-Experte und Direktor des Nordic Folkecenter for Renewable Energy im dänischen Hurup.

Mit so viel Historie, ist es kein Wunder, dass Tvind weltweit als Vorbild einer ganzen Branche gilt. Vestas, Siemens und viele andere Unternehmen sind mit der Geschichte des „Ur-Windrads“ eng verbunden. Seiner Zeit war es weit voraus: Die Anlage hatte – wie die meisten heutigen – drei pitchende Rotorblätter aus Glasfaserverbundwerkstoff, ein leistungsstarkes Getriebe, Synchrongenerator. „Tvind hat gezeigt, dass Windkraft funktioniert. Wenn wir nur die Erfahrung von Growian und Co. hätten, dann gäbe es heute vielleicht gar keine Windkraftindustrie“, sagt Maegaard.

Für den Mut, den eigenwilligen Weg, den die Tvind-Gemeinde ging und noch immer geht, und vor allem für den Bildungseffekt, erhielt sie 2008 den Europäischen Solarpreis. Ihren revolutionären Wurzeln ist die Gruppe bis heute treu geblieben – das zeigt sich gerade einmal mehr: Die Entwicklung der Windenergie, vor allem der Bau gigantischer Offshore-Parks durch große Konzerne, schmeckt Britta Jensen und ihren Freunden gar nicht. Sie fordern: „Wir brauchen eine Revolution! Dezentralisierung! Lokale Produzenten!“


Der Beitrag erschien im März 2012 in: neue energie

© 2011 Daniel Hautmann