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Schmieriger Einsatz - Süddeutsche Zeitung / Nov 2010

Öl gelangt nicht nur ins Meer, wenn eine Bohrplattform brennt. Bereits der Normalbetrieb der Ölförderung verursacht Schäden. Doch es fehlt an umweltverträglichen Bekämpfungsmethoden


Knarzend schieben sich die beiden stählernen Rumpfhälften der Thor auseinander, verbunden nur durch ein Scharnier am Heck: Wie ein riesiges V schwimmen die beiden Hälften des 35 Meter langen Schiffs im Wasser. An der Innenseite der Rümpfe, genau auf Wasserhöhe, liegen zwei verstellbare Öffnungen. Durch diese könnte die Thor jetzt einen Ölteppich einsaugen - insgesamt 280 Kubikmeter passen in ihren Tank.

Doch diesmal handelt es sich nur um eine Demonstration in einem Hamburger Hafenbecken. Sie soll den Teilnehmern des Symposiums "Öl im Meer" eine elegante Methode zeigen, wie man das schwarze Gift bekämpfen kann.

Neue Ansätze bei der Bekämpfung von Ölverschmutzungen sind seit langem überfällig, nicht erst seit der Explosion der Plattform Deepwater Horizon am 20. April dieses Jahres im Golf von Mexiko.

Auch wenn Deutschland mit Spezialschiffen wie der Thor vergleichsweise gut vorbereitet sei, müsse der Beweis für deren Einsatzfähigkeit noch erbracht werden, glauben die Experten. Bislang ist die deutsche Küstenlandschaft von größeren Katastrophen verschont geblieben.

Ein Unglück wie den Untergang der Deepwater Horizon, nach dem 800 Millionen Liter Öl ins Meer flossen, hat es in der Nordsee noch nicht gegeben. In normalen Jahren landen zwischen 1,5 und neun Millionen Tonnen Öl im Meer, schätzt Carlo van Bernem vom Institut für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum in Geesthacht, genauer wisse man es nicht.
Großteil der Schäden durch den Normalbetrieb

Dabei verursache bereits der Normalbetrieb bei Ölförderung und Transport einen Großteil der Schäden. Rund 34 Prozent des Öls stammen aus Plattformen im Meer und Industrieanlagen des Festlands, deren giftige Rückstände über die Flüsse in die Ozeane gelangen; neun Prozent stammen aus der Atmosphäre, also aus Flugzeugen und Industrieemissionen; immerhin sechs Prozent aus natürlichen Quellen.

Unfälle von Öltankern oder Plattformen seien nur für rund 13Prozent verantwortlich. Kleinere Ölaustritte sind hingegen Alltag: Allein in der Nordsee gibt es 450 Öl- und Gasplattformen, aus denen beständig etwas Öl austritt. "Die Förderung sinkt, aber die Anzahl der Plattformen steigt und damit die Gefahr von Öleinträgen", sagt Nadja Ziebarth vom Umweltverband BUND. Vor allem neue Fördertechniken, bei denen Chemikalien oder Dampf in die Förderstätten gepresst werden, bergen Risiken.

Hinzu kommen die rund 50.000 Handelsschiffe, die auf den Ozeanen fahren, immer ein bisschen lecken und gelegentlich - zum Teil sogar legal - die Tanks spülen. Wie Monika Breuch-Moritz vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie (BSH) erläutert, belegen Satellitenaufnahmen, dass sich die Ölfunde entlang der Schiffsrouten häufen. Mit Methoden wie der Driftberechnung könne man sehr genau zurückverfolgen, wo das Öl ausgetreten sei. Anhand von Proben lasse sich dann leicht herausfinden, von welchem Schiff das Öl stamme, so Breuch-Moritz.

Doch damit ist der Umwelt noch nicht geholfen. Treibt ein Ölteppich im Meer und geraten Strände oder Küstenbereiche in Gefahr, ist vor allem eine schnelle Reaktion wichtig. In Deutschland koordinieren die Spezialisten des Havariekommandos von Cuxhaven aus sämtliche Maßnahmen - die Bergung Verletzter, Einsätze von Spezialschiffen oder Flugzeugen, die Reinigung verschmutzter Strandabschnitte.

Neben der fast 30 Jahre alten Thor gibt es weitere Schiffe, die nur für den Fall einer Ölkatastrophe im Hafen liegen - etwa die MPOSS in Hamburg, ein sogenannter Oil Skimmer. Solche Schiffe streifen das Öl von der Wasseroberfläche ab und pumpen es ins Schiffsinnere. Bislang allerdings litt die Einsatzfähigkeit dieser Schiffe darunter, dass sie nur bis zu einem Seegang von 1,5 Metern operieren können.
Ölaufnahme in starker See

Wissenschaftler an der TU Berlin arbeiten derzeit an einem neuen Konzept, das die Ölaufnahme auch in starker See erlaubt. Unter dem Namen SOS - seegangsunabhängiger Oil Skimmer - haben sie ein Spezialschiff entwickelt, das einem Katamaran gleicht. Ein speziell konstruierter Bug glättet die Wellen und leitet den Ölfilm in eine Art Trog unter den Schiffsrumpf, wo er abgeschöpft wird. Das SOS soll in Zukunft in bis zu drei Meter hohen Wellen fahren können.

Notfalls können aber auch normale Schiffe, die in Formation fahren, die Ölmassen zurückdrängen oder mit speziellen Fangarmen einsammeln. Allerlei andere Gerätschaften können kleinere Ölmengen aufnehmen: Da gibt es etwa große Sauger und eine Art Öl-Wischmop, der ähnlich wie ein Wasserskilift aussieht und eine dicke Schnur aus Polypropylen durch das Wasser zieht.

So aufwändig diese mechanischen Verfahren auch sind, ihr Vorteil ist ihre Umweltverträglichkeit. Die meisten anderen Optionen der Ölbeseitigung haben gravierende Nebenwirkungen. So lässt sich das Öl auch abbrennen, doch das verlagert die Schadstoffe nur in die Luft. Umstritten ist auch der Einsatz sogenannter Dispergatoren - Stoffgemische aus Tensiden, Lösemitteln und Additiven. Sie vergrößern die Oberfläche des Öls, so dass es in Tröpfchenform kaum sichtbar im Wasser schwebt. Damit ist das Öl zwar noch immer vorhanden, Mikroorganismen können es aber leichter abbauen.

Allerdings eignen sich Dispergatoren nicht bei allen Ölarten und nur für den Einsatz in Salzwasser; zudem muss eine gewisse Wellenenergie vorhanden sein. Vor allem ist das Gemisch aus Öl und Dispergatoren häufig giftiger als das Öl selbst - deshalb muss abgewogen werden, inwieweit Flora und Fauna der See, des Meeresbodens oder der Küste gefährdet werden.
Öko-Experiment mit ungewissen Folgen

"In Deutschland werden Dispergatoren nur in absoluten Sonderfällen eingesetzt. Für die Ostsee sind sie wegen des geringen Wasseraustauschs ungeeignet", sagt Dierk-Steffen Wahrendorf von der Bundesanstalt für Gewässerkunde. Im Golf von Mexiko wurden hingegen sieben Millionen Liter Dispergatoren ausgebracht - ein Großteil davon erstmals unter Wasser. Es ist ein Öko-Experiment mit ungewissen Folgen.

So wenig die derzeitigen Techniken befriedigen - klar ist, dass sich das Problem in den nächsten Jahren verschärfen wird. Zwar sind die Unfälle mit großen Öltankern dank besserer Sicherheitstechnik seltener geworden.

Dafür befürchten Umweltschützer, dass ausgerechnet der Boom der Windenergie neue Gefahren birgt, wie Nadja Ziebarth vom BUND warnt: Die neuen Offshore-Windfarmen liegen nämlich oft in der Nähe der Schifffahrtsstraßen. Nicht auszudenken, was passiert, wenn ein 380 Meter langer Öltanker im Sturm und nach einem Ausfall seiner Ruderanlage unkontrolliert durch einen Windpark mit Hunderten Turbinen treibt.


Der Artikel erschien am 24. November 2010 in: Süddeutsche Zeitung/Wissen

© 2011 Daniel Hautmann