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Becher und Bürsten für den Komposthaufen - Welt am Sonntag / Nov 2010

Biokunststoff soll giftiges Plastik ersetzen. Die Ökobilanz ist aber oft noch negativ


Gießkannen, Spielzeug und Zahnbürsten gibt es schon aus dem Bioplastik Proganic, bald kommen Haushaltswaren wie Schöpflöffel und Pizzawender hinzu. Andere Hersteller mischen ihren Produkten noch 50 oder 70 Prozent petrochemische Stoffe bei, das Bioplastik des Unternehmens Propper dagegen besteht zu 100 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen wie Glucose und pflanzlichen Wachsen. Daher wird es bei Kontakt mit Bakterien innerhalb eines Jahres ganz zu Kompost, in heißen Sommermonaten dauert es sogar nur wenige Wochen.

Für seine Entwicklung Proganic hat der Hersteller aus Rain am Lech nicht nur den Preis "Biowerkstoff des Jahres" gewonnen, sondern auch die internationale Auszeichnung "Best Green Style" für seine Gießkanne. Proganic ist nach Unternehmensangaben verschleißfest wie herkömmliches Plastik, Wasser abweisend und UV-beständig sowie formstabil bis 100 Grad Celsius.

Solche Stoffe sind ein Zwischenschritt auf dem Weg zum kompletten Plastik-Ersatz. Bei der ersten Generation standen hauptsächlich die biologische Abbaubarkeit und die Möglichkeit im Vordergrund, die Produkte im Alltag verwenden zu können. "Früher ging es nur um Müllentsorgung. Jetzt geht es um die Verwendung im Hightech-Bereich", sagt Werkstoffwissenschaftler Hans-Josef Endres von der Fachhochschule Hannover. Gemeint sind beständige Kunststoffe, die man industriell einsetzen kann, zum Beispiel Fasern für Textilien oder Teppiche im Auto, Getränkeflaschen oder Gehäuse von Elektrogeräten.

"Raumschiffe der Nasa werden sie kaum mit biobasierten Kunststoffen ausstatten", sagt allerdings Marco Schnarr vom Verband European Bioplastics. Er sieht eher den Vorteil, dass die Welt der Kunststoffe reicher wird, dass neue Werkstoffe erzeugt werden können. Doch die Industrie arbeitet daran, die thermische, chemische und mechanische Belastbarkeit der Biokunststoffe weiter zu verbessern.

An Forschung und Entwicklung beteiligt sind nicht nur Spezialfirmen, sondern auch Konzerne wie DuPont, Braskem und BASF. Die Forschungsbemühungen haben einen einfachen Hintergrund: Die weltweiten Erdölvorkommen gehen zur Neige. Das betrifft nicht nur die Treibstoffversorgung unserer Autos, Flugzeuge und Kraftwerke, auch die Kunststoffindustrie benötigt Erdöl als Ausgangsstoff ihrer Produkte. So wandern global etwa vier bis sieben Prozent des geförderten Erdöls in die Produktion von Plastiktüten, Fensterrahmen oder Stoßstangen. Weltweit werden in diesem Jahr etwa 260 Millionen Tonnen Kunststoffe produziert.

Einige technisch anspruchsvolle Produkte gibt es bereits, zumindest im Prototypstatus. Das Unternehmen Fischer zum Beispiel hat einen Dübel aus nachwachsenden Rohstoffen entwickelt, der laut Fischer-Pressesprecher Klaus Fockenberg "gleichwertig, aber noch deutlich teurer" ist. Andere Beispiele sind ein Skischuh aus dem Hause Atomic und ein Korrekturroller von Henkel.

Forscher der University of Pittsburgh haben Bioplastik kürzlich auf Umweltverträglichkeit untersucht und zahlreiche Vorteile ausgemacht. Die Biokunststoffe sind biologisch abbaubar, weniger giftig als herkömmliches Plastik, und verwendet werden fast ausschließlich Stoffe aus erneuerbaren Ressourcen.

Doch viel mehr als ein Werbegag sind viele der Produkte kaum: Biobasierte Kunststoffe sind teurer als petrochemisch gewonnene Materialien. Um wettbewerbsfähig zu werden, müsste also der Ölpreis deutlich steigen. So sind von den global produzierten 260 Millionen Tonnen Kunststoff lediglich eine Million Tonnen Bioplastik.

Ein anderes Problem zeigt sich bei den Bioplastik-Materialien, die das US-Unternehmen Metabolix herstellt. Die von den Forschern gezüchtete Mikrobe vertilgt den Zucker aus Mais und produziert so ein Molekül mit Eigenschaften wie Plastik, das sich auf dem Komposthaufen im Garten entsorgen lässt. Allerdings ist die Mikrobe genetisch verändert - damit sind die daraus produzierten Produkte zumindest in Europa mit seinen zahlreichen kritischen Kunden und den rigiden gesetzlichen Bestimmungen kaum verkäuflich.

Ohnehin ist die Produktion von Bioplastik der größte Minuspunkt in der Ökobilanz. Der Anbau des Rohstoffs sowie die chemische Verarbeitung verbrauchen viel Energie und setzen, oft giftige, Chemikalien frei. In der Folge werden Gewässer überdüngt und wird die Ozonschicht weiter zerstört. Das Fazit der Forscher aus Pittsburgh war entsprechend ernüchternd: Bioplastik sei ähnlich umweltschädlich wie Kunststoffe aus Erdöl, heißt es in der Studie.

Ob die zweite und dritte Generation der Biokunststoffe ein Segen für die Umwelt sind, wird schon jetzt, vor ihrer großflächigen Markteinführung, bezweifelt. Ähnlich wie beim Biotreibstoff - "Teller oder Tank?" - ist bei der Plastikproduktion die Frage noch ungeklärt, ob man die Rohstoffe nicht besser als Lebensmittel verwendet - statt als Rohmaterial für Plastikbecher und -bürsten.

An einer Lösung arbeitet angeblich Metabolix. Das Unternehmen will Bioplastik aus organischen Stoffen produzieren, die nicht zum Verzehr geeignet sind. Im Blick haben die Forscher zum Beispiel Präriegräser. Davon gibt es reichlich, schließlich sind die Steppen in den USA etwa vier Millionen Quadratmeter groß.


Der Artikel erschien am 21. November 2010 in: Welt am Sonntag

© 2011 Daniel Hautmann