> zurück zur Auswahl

 
Wie ein Vogel im Wind - Süddeutsche Zeitung / Okt. 2010

Drachenfliegen ganz ohne Berge in einer Schule in der Nähe von Berlin ist das möglich


Jüterbog, südlich von Berlin. „Jetzt schauen wir uns erst mal so ein Gerät an“, begrüßt Fluglehrer Martin Ackermann und klopft gegen das Aluminiumrohr eines Flugdrachen. Hauchdünner Polyester-Stoff ist darüber gespannt und bildet ein Dreieck mit einer Spannweite von etwa zehn Metern; dünne Stahlseile stabilisieren das Gebilde. „Der wiegt 23 Kilo, damit machen wir gleich mal ein paar Laufübungen auf der Wiese“, sagt der gebürtige Münchner. Doch erst kommt die Theorie, die beim Gurtzeug an, das Pilot und Fluggerät verbindet und einem schweren Schlafsack ähnelt.

Dann schiebt Ackermann eine profane Rahmenkonstruktion aus drei Rohren auf die Wiese - ein Drachen-Simulator. In dieses Trapez hängen sich die Schüler ein und pendeln darin umher wie ein Baby im Türrahmen. Spätestens jetzt ist spürbar: Drachenfliegen ist anders als alle anderen Flugsportarten. Weder sitzt der Pilot im Cockpit, noch steuert er sein Gerät per Knüppel und Fußpedal oder Zugleinen. Ein Drachenpilot ist ein wesentlicher Teil seines Fluggerätes: Da er schwerer als der Flügel ist, bestimmt seine Position den Schwerpunkt des Fliegers. Und genau das macht den Unterschied. Allein durch Gewichtsverlagerung wird beeinflusst, ob der Drachen schnell oder langsam, nach links, rechts, oben oder unten fliegt. Dabei schaut er immer zur Erde – wie ein Adler.

Ackermann klemmt sich unter das Trapez eines echten Drachen. Hebt ihn an und rennt los. Das Trapez ruht dabei auf seinen Oberarmen, seine Hände drücken weiter unten dagegen. Nach wenigen Schritten löst sich der Hängegleiter vom Boden und fliegt - jetzt liegt die Strömung am Flügel an und gibt ihm Auftrieb. Ackermann korrigiert leicht durch drücken und schieben am Steuerbügel und landet den Drachen nach etwa 50 Metern sanft im Gras.

Seine Schüler merken schnell, dass das, was der Lehrer mit seinen tausenden Stunden Flugerfahrung da gerade vorgemacht hat, weit schwieriger ist, als es aussieht. Das Gewicht des Fluggeräts drückt auf die Oberarme, dazu der Wind, der den Drachen nach unten presst. Also mit aller Kraft dagegen stemmen und zusehen, dass die Nase hoch kommt und der Wind darunter greifen kann. Aber auch nicht zu weit, sonst machen Schüler und Drache einen Salto auf den Rücken. So sieht er also aus, der Traum vom Fliegen.

Nach einigen Versuchen klappt es besser, man entwickelt ein Gefühl für seinen Flügel. Jetzt holt Ackermann ein Seil und knotet es an das Gurtzeug der Nachwuchspiloten. „Ihr rennt und ich zieh euch“, sagt er dazu. Los geht’s. Nach wenigen Metern schwebt der erste Schüler einen Meter über dem Gras und stößt einen gellenden Freudenschrei aus.

Trotz des Suchtpotenzials kränkelt der Sport. Vielen ist der Aufwand zu groß, das Material zu schwer. Maximal 8000 drachenfliegende Mitglieder zählt der Deutsche Hängegleiter-Verband, wie Sprecher Benedikt Liebermeister sagt. Wenn schon in die Luft gehen, dann mit dem Gleitschirm, denken sich jedenfalls derzeit 25.000 Flieger. Obwohl mit dem Flugdrachen, auf Grund seiner weitaus besseren Gleitzahl, wesentlich längere Strecken geflogen werden können. „Mit dem Schirm fliegen ist einfacher, das Equipment ist klein und leicht“, sagt Liebermeister. Ackermann fliegt zwar auch Gleitschirm, doch lieber hängt er unterm Drachen: „Das ist das vogelähnlichste Fliegen das ich mir vorstellen kann.“

Erfunden hat das Prinzip des Hängegleiters der NASA-Ingenieur Rogallo. 1912 war das. Er wollte mit seinem Gleiter ausgebrannte Raketenstufen zur Erde schweben lassen. Die Entscheidung fiel dann aber doch zu Gunsten des Fallschirms. In den 1960er Jahren schnappten einige Abenteurer die Idee auf und bastelten sich aus Bambusrohr und Cellophan flugfähige Drachen. Als der Kalifornier Mike Harker 1973 von der Zugspitze schwebte, initiierte er damit einen Trendsport. Doch das ist lange her. „Heute gibt es bundesweit nur noch drei bis vier Flugschulen die auf dem Drachen ausbilden“, weiß Ackermann. Aber er möchte, dass wieder mehr Menschen am Drachen hängen. Deshalb hat er ein neues Schulungskonzept eingeführt - im flachen Umland Berlins. „Bei der konventionellen Schulung müssen die Schüler mit dem schweren Drachen drei Tage lang den Berg hoch laufen und kommen kaum zum Fliegen. Wir lassen uns per Ultraleichtflugzeug hochziehen und schulen im doppelsitzigen Betrieb“, erklärt er. Dabei liegt der Fluglehrer über dem Schüler und gibt Anweisungen und kann eingreifen: „Das fühlt sich an, als ob der Schüler allein flöge. Er übt nicht nur Start und Landung.“

Endlich ist es so weit. Vor uns steht der Ultraleichtflieger mit knatterndem Motor. Ackermann gibt ein Handzeichen - das Schleppseil spannt sich, wir rollen. Kurz darauf heben wir ab und gewinnen rasch an Höhe. Allmählich gewöhnt man sich daran, unter einem Flügel aus dünnem Alurohr und hauchzartem Stoff zu baumeln. 700 Meter hoch über dem Flugfeld klinkt der Fluglehrer das Schleppseil aus. Der Drachen sackt ab – Gruß aus der Magengrube. Ackermann zieht den Steuerbügel leicht zu sich und nimmt Fahrt auf. Lautlos gleiten wir jetzt durch den Himmel. Linkskurve, Rechtskurve. Der Wind weht um die Nase, unten sind gemähte Felder, am Horizont ist Berlin zu erahnen. So also fliegt ein Vogel. Fast.


Der Beitrag erschien am 25. Oktober in: Süddeutsche Zeitung

© 2011 Daniel Hautmann