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Lautlos durch den Park - Süddeutsche Zeitung / Jan. 2010

Umweltschonende Elektrobikes überzeugen durch Agilität und Leichtbau. Eigens eingerichtete Crossparcours sollen die Kundschaft locken


Kein Knattern, kein Rauch, kein Vibrieren. Kein Hauch von Benzin, kein Hauch von Öl. Und das soll ein Motorrad sein? Tatsächlich: Die Crossmaschine ist startklar, einmal am Gashahn gedreht und ab geht’s. Zugegeben, eine Rakete ist das Bike nicht, aber für ein Elektromotorrad mit 23 PS macht sich die MX des kalifornischen Herstellers Zero Motorcycles ganz gut aus dem Staub. Kein Wunder bei 67 Newtonmeter Drehmoment, die auch noch kontinuierlich anstehen.

Was auf vier Rädern der Standard der Zukunft werden soll, ist im Rahmen zwischen zwei Rädern bereits angekommen – leistungsstarke Batterien, die drehmomentfreudige Scheibenläufer-Elektromotoren speisen. Die Vorteile liegen auf der Hand: keine entzündlichen und umweltschädigenden Treib- und Schmierstoffe, kein kreischender Motor, der Anwohner ärgert und kein lästiges Schalten. Zudem, ganz wichtig: so gut wie kein Verschleiß. Denn wo keine drehenden Teile sind, da hält sich auch die Materialabnutzung in Grenzen. Das macht das Fahrvergnügen günstig. Dem Tankwart ist die Freundschaft jedenfalls gekündigt. Eine Tankfüllung Strom, die gut ist für rund 60 Kilometer, kostet bei diesem Elektrobike rund einen Euro. Der Ladevorgang dauert rund zwei Stunden; gefüttert werden kraftvolle Lithium-Ionen-Akkumulatoren, die bis zu 1000 Ladezyklen vertragen sollen.

Der Nachteil: Wer eines Tages neue Akkus braucht, muss 3200 Euro investieren. „Wir liefern die perfekte Lösung für alle, die Motorräder und Innovation lieben und die Umwelt schützen möchten“, sagt Zero-Gründer Neal Saiki. Der Rahmen ist bei den vier Modellen von Zero Motorcycles – zwei Enduros, eine Vollcross und eine Straßenmaschine – aus gebürstetem Aluminium gefertigt. Eine Technik namens Hydroforming bringt das Material in Form. Vorteil dabei ist, dass selbst komplizierte Geometrien sich einfach realisieren lassen und die Wandstärke optimal reguliert werden kann. So purzeln die Pfunde. „Gewicht ist alles“, sagt John Lloyd, Leiter des globalen Verkaufs bei Zero Motorcycles. Fahrbereit bringt die Zero MX knapp 71 Kilo auf die Waage. Kein Wunder, dass 23 PS üppig erscheinen und selbst schwerere Piloten mühelos den Berg hochbringen.

Der wahre Vorteil liegt aber nicht im geringen Gewicht, sondern im potentiellen Terrain vor dem grobstolligen Vorderreifen. In den USA jedenfalls dürfen mit dem E-Bike Gegenden befahren werden, die für kreischende Verbrenner tabu sind, etwa Wälder und Parks. „Ich trainiere im Garten, ohne dass sich die Nachbarn beschweren“, freut sich Zero-Mechaniker Matt Findstein. Wenngleich sich das Zero-Bike etwa an den Bremshebeln oder Blinkerschalter durch den Ultraleichtbau recht spielzeughaft anfühlt, geben die Maschinen im Gelände und auf der Straße eine solide Figur ab, wie erste Testfahrten auf einem abgesperrten Gelände bei Hamburg zeigten – trotz mehrmaligen unfreiwilligen Absteigens des Testpiloten ging nichts kaputt.

Neben der MX und der moderateren X, die beide keine Straßenzulassung besitzen, will sich Zero mit der zugelassenen S wie Supermoto und vom Frühjahr an auch mit der Dualsport DS am Markt etablieren. Der Stromer schafft rund 100 km/h mit einer Batterieladung und bietet sich besonders für smoggeplagte Städte an. Mit 30 PS dürfte das knapp 10 000 Euro teure Motorrad genug Leistung haben, um sich flink durch dichten Stop-and-Go-Verkehr zu schlängeln. „Es war von Anfang an unser Ziel, ein leistungsstarkes Elektromotorrad für den Straßenverkehr zu entwickeln, das die Branche grundlegend verändert“, sagt Neal Saiki.

Die Zero-Verkaufszahlen sprechen für sich. Während 2008 weltweit lediglich rund 200 dieser Motorräder verkauft wurden, waren es 2009 schon 1200 Exemplare; gut 350 wurden nach Europa geliefert. Zero Motorcycles ist allerdings nicht der einzige Anbieter alltagstauglicher Elektromotorräder. Der Schweizer Hersteller Quantya hat ebenfalls Stromer im Angebot. Mit der Strada schicken die Eidgenossen auch eine Elektrogeländemaschine ins Rennen. Der 94 Kilo schwere und bis zu 19 PS starke Crosser mit 38 Newtonmeter Drehmoment saugt seine Kraft aus einem Lithium-Polymer-Akku und kostet inklusive Ladegerät knapp 9600 Euro. Verkauft wurden bislang 500 Maschinen. Quantya bietet allerdings nicht nur Motorräder mit fortschrittlichem Antrieb, sondern gleich ein ganzes Marketingkonzept für den E-Sport an: In den Quantyaparx kann sich jeder, der wenigstens 14 Jahre alt ist, auf der eigenen oder einer geliehenen Quantya-Enduro austoben. Zur Wahl stehen Crossparcours-, Freeride-, und Freestyle-Strecken. Bundesweit gibt es bereits  zehn Parks, rund 60 sollen in den nächsten Jahren hinzukommen. „Wir wollen zeigen, dass lautlos Spaß macht“, so Hans Eder, Quantyaparx-Geschäftsführer.


Der Beitrag erschien am 25. Januar 2010 in: Süddeutsche Zeitung

© 2011 Daniel Hautmann